Ahrensburg. Ihr Pferdeschwanz wippt unbeschwert auf und ab, wenn sie hustet. Dass ihr Atem pfeift und rasselt, während sie mit ihrer kleinen Schwester fröhlich durch den Flur tobt, scheint Carolina Wolf nicht wahrzunehmen. Es ist ein guter Tag für die Sechsjährige. Weil sie heute besser Luft bekommt als an den schlechten Tagen, wie ihre Eltern sagen. Und weil dem Mädchen und ihrer Familie ein Herzenswunsch erfüllt wird.
Carolina ist zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen. Mit einem schweren Herzfehler. Und einer verästelten, nicht richtig geteilten Luft- und Speiseröhre. Zudem leidet das zierliche Mädchen an Mukoviszidose, die zu schweren Störungen der Atmung führt. "Die ersten neun Monate ihres Lebens hat Carolina auf der Intensivstation verbracht", sagt Galina Wolf. Die 37-Jährige ringt um Fassung. Erinnerungen an die schrecklichste Zeit ihres Lebens kommen hoch. Schmerzhafte Bilder von ihrer kleinen Caro, die durch eine Beatmungsmaschine am Leben erhalten wurde.
Wie sich diese Angst anfühle, das eigene Kind verlieren zu können - dafür gebe es keine Worte. "Ich habe nur geweint. Gehofft. Gebetet. War in Gedanken immer bei Caro", sagt sie mit bebender Stimme. Fast scheint man den Kloß in ihrem Hals zu sehen. So wie die dicken Tränen, die ihr über die Wangen kullern. Ihr Mann Waldemar streicht ihr sanft über den Rücken. "Jeder Tag war ein neuer Kampf. Ein Kampf ums Überleben", sagt er. Schon als Baby sei Carolina zweimal am Herzen operiert worden. Es folgten fünf weitere OPs an Speise- und Luftröhre, die letzte im Jahr 2008. Eine lange Narbe auf dem Oberkörper des quirligen Mädchens erinnert die Eltern Tag für Tag an die Krankenhausaufenthalte ihrer Tochter. An die Tage und Nächte des Bangens und Hoffens.
Doch die Wolfs hadern nicht mit ihrem Schicksal, sondern blicken optimistisch in die Zukunft. "Natürlich habe ich mich schon mal gefragt, warum ausgerechnet mein Kind krank ist", sagt Galina Wolf. Aber genauso könne man fragen, warum andere Kinder krank zur Welt kommen. Sie lächelt zum ersten Mal, als sie sagt: "Das Wichtigste ist, dass wir unsere Kinder lieben und alles dafür tun, dass es ihnen gut geht."
Damit es Carolina gut geht, muss sie alle drei Stunden inhalieren. Auch nachts. Wenn sie krank ist - was oft der Fall sei - alle zwei Stunden. "Sonst würde sich der Schleim nicht lösen, und sie bekäme keine Luft mehr", sagt die Mutter, die Erzieherin gelernt hat. Für sie und ihren Mann sei es zur Normalität geworden, nachts mehrmals aufzustehen. Als sie gefragt wird, wann sie das letzte Mal durchgeschlafen hat, muss Galina Wolf lachen. "Keine Ahnung. Ich habe vergessen, wie das ist." Nicht die Spur eines Jammerns schwingt in ihrer Stimme mit. Für Klagen ist in ihrem Leben kein Platz.
Lieber spricht sie über ihre Familie. Über ihre 15-jährige Tochter Kristina, die ihr im Alltag viel helfe und auf die sie mächtig stolz sei. Über ihren Mann, mit dem sie ein tolles Team bilde. Andere um Hilfe zu bitten, kommt für die Frau mit den dunklen Ringen unter den hübschen braunen Augen nicht in Frage. "So bin ich eben erzogen." Auch an "Stern-Taler" hätte sich Galina Wolf nicht von sich aus gewandt.
"Eine Sozialarbeiterin der Stadt hat uns vom Schicksal der Familie Wolf berichtet", sagt Britta Scheel. "Daraufhin habe ich bei Galina angerufen und sie im Dezember besucht." Die Geschichte der Familie habe sie tief bewegt. "Ich bewundere die Mutter für ihre Kraft. Sie ist eine so tapfere Frau." Die Vereinsvorsitzende Elisabet Hilgenstock sieht das genauso: "Die Familie hat schon viel durchgemacht. Wie sie ihr Leben meistert, ist bewundernswert." Die Wolfs seien eine typische "Stern-Taler"-Familie. "Wir freuen uns, dass wir ihnen helfen können."
Es sei ein großes Glück, dass es Vereine wie "Stern-Taler" gebe, sagt Galina Wolf. Was für sie und ihren Mann Glück bedeutet, davon hat das Paar ganz genaue Vorstellungen. "Als Caro nach vier Monaten das erste Mal ihre Augen geöffnet hat: Das ist Glück", sagt sie. Diesen Moment werde sie nie vergessen. Ebenso wenig, wie den Tag, an dem ihre Tochter nicht mehr über eine Sonde ernährt werden musste. "Und den Tag als sie angefangen hat, zu sprechen: Papa war ihr erstes Wort", sagt Waldemar Wolf. Der Gedanke daran macht ihn auch heute noch stolz. Das Ehepaar zählt weitere Beispiele für ihre glücklichsten Momente auf. Eines ist diesen Augenblicken gemein: Immer sind ihre Töchter Kristina, Carolina oder die vierjährige Sophia daran beteiligt.
Ihre Kinder bedeuten Galina und Waldemar Wolf alles. Und die drei geben ihnen sicher auch die Kraft dafür, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Mit den dunklen Tagen fertig zu werden. Aber vor allem die guten, die sonnigen Tage zu genießen. Große Wünsche hätten sie eigentlich nicht, sagt Galina Wolf. Schon gar nicht für sich selbst. Nur an einem Traum halten sie fest. Geben die Hoffnung nicht auf, dass er sich irgendwann erfüllt. Galina Wolf spricht ihren innigsten Wunsch sehr leise aus: "Dass Carolina ohne Geräte leben kann." Wie jedes andere kleine Mädchen herumtoben kann - ganz unbeschwert.
